Premium und das revolutionär utopische Firmenkonzept

von living utopia (livingutopia.org) 

Was hat Cola mit gesellschaftlichen Utopien zu tun? Elena Tzara im Interview mit Tobi Rosswog

Vom 04. – 06. November fand in Berlin die erste Utopie-Ökonomie-Konferenz UTOPIKON statt. 300 Menschen tauschten sich in 20 Workshops und 5 Keynotes zu Wegen und Herausforderungen in eine geldfrei(er)e Gesellschaft aus. In einer kleinen Inverviewreihe stellen wir einige der Referent*innen vor. Wir beginnen mit Elena Tzara und Premium Cola, dem revolutionär utopischen Firmenkonzept:

Tobi Rosswog (TR): Liebe Elena, wie wunderbar, dass Du Dir Zeit genommen hast: Stell Dich doch bitte kurz vor.

Elena Tzara (ET): Ich heiße Elena und arbeite seit zwei Jahren bei Premium mit. Ich bin schon seit langem an dem Thema Nachhaltigkeit interessiert, und hoffe auf ein zukunftsweisendes Potenzial einer Sharing-Kultur (www.yunity.org). Ich bin langjähriges Mitglied des bundesweiten Orgateams von foodsharing (www.foodsharing.de), welches das Entstehen dieser ‚grassroots‘-Bewegung möglich gemacht hat. Drüber hinaus habe ich auch selber Projekte gegründet, wie z.B. ein Online-Start-up (www.thejamble.com) und ein Ballon-Kunstkollektiv (www.balloomination.de). Ich liebe kreative und konzeptuelle Aufgaben, und arbeite von daher gerne in Projekten mit offenen, flexiblen Strukturen.

Ich bin im Zentrum Hamburgs geboren, aber mich hat es immer schon in die Ferne und in deutlich wärmeres Klima gezogen. So habe ich einige Jahre in Chile und Australien gewohnt, und auch wenn ich jetzt vorerst doch wieder in meiner Heimatstadt Hamburg gelandet bin, fülle ich meinen Rucksack voller Reiseerfahrungen sehr gerne weiter.

TR: Was ist Premium Cola? Und was macht euch besonders?

ET: Premium will ein faires, ökologisches und sozial tragfähiges Wirtschaftsmodell in hoher Qualität vorleben und verbreiten. Allein das ist (leider) schon ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal in unserer Wirtschaftswelt.

Premium ist weitergehend ein Unternehmen, das keine Werbung macht, keine Gewinne erwirtschaften will und dabei mehreren 10.000 Endkunden und über 1.600 gewerblichen Partnern ein Mitspracherecht auf Augenhöhe anbietet. Und wir hören ganz oft: „Das kann doch nicht funktionieren!“, aber wir wollen das Gegenteil beweisen – und Premium tut dies nun schon seit stattlichen 14 Jahren (wobei Premium zugegebener Maßen und gewollt sehr langsame Anfangsjahre hatte).

Wer mehr über Premium und das revolutionär utopische Firmenkonzept erfahren möchte, kann sich gerne mal ein bisschen auf der Website umschauen.

TR: Welche Herausforderungen treten bei einem konsensdemokratisch-geführten Unternehmen auf?

ET: Teilweise entstehen sehr lange Entscheidungsprozesse, wo jeder einzelne sachlich bleiben sollte und die Geduld behalten muss. Auch ist eine Zentrale ohne Bestimmungs-Wunsch eine absolute Voraussetzung.

Ansonsten hilft es natürlich, beteiligte Menschen zu haben die das System nicht ausnutzen wollen (aber auch für den Fall einen Plan-B zu haben). Und sehr viel einfacher wird alles, wenn man von vornherein jeder einzelnen Person sein Vertrauen schenkt – bis man mit einer Person mal eine schlechte Erfahrung macht. In unserer heutigen Gesellschaft wird dies leider meist anders herum praktiziert und man begegnet sich erst mit Misstrauen, und muss sich das Vertrauen erst verdienen.

Auch deswegen ist ein langsamer, schrittweiser Aufbau einer Konsenskultur sehr hilfreich, um alle bei diesem Prozess mitzunehmen (denn wenn eine Person nicht mitkommt, dann funktioniert Konsensdemokratie nun mal nicht). Für den Erhalt der Konsenskultur ist außerdem eine Kontinuität bei zentralen Menschen, und ein paar gute Moderationstechniken fürs Klima und fürs Miteinander sehr hilfreich (z.B. sich wirklich zuhören und ausreden lassen, Deskalation bei Diskussionen, usw. – eigentlich Basics, die aber doch in Gruppen viel zu oft ignoriert werden).

Wir bei Premium haben die Erfahrung gemacht, dass durch Konsensdemokratie nicht nur klügere Entscheidungen getroffen werden als einzelne Führungspersonen sie treffen könnten – die Entscheidungen sind auch in aller Regel sozialer, weil von Anfang an alle Bedarfe und Meinungen mit eingebaut werden. Und: die dazu nötigen Diskussionsprozesse sind nur am Anfang langwieriger; mittelfristig werden sie sehr effizient, da alle die getroffenen Entscheidungen stützen und meist nicht so schnell wieder in Frage stellen.

TR: Du hast als Premium Cola Referentin auf der UTOPIKON einen Workshop zur Konsensdemokratie gegeben. Wie wars?

ET: Ich habe erlebbar gemacht, wie wir Dinge bei Premium entscheiden, warum wir dies so tun, und was das ganze bringt. Generell hoffen wir auch immer, Leute mit unseren Ideen und Visionen anzustecken, und mehr Leute zu motivieren Dinge anders zu machen – ob das geklappt hat, vermute ich mal. Dabei durfte ich auch anderen helfen mit ihren Unternehmen/Initiativen/Projekten bei der Gründung und dabei, ganz andere Wege zu gehen, oder diese zumindest mal in Erwägung zu ziehen.

TR: Gibt es ein besonderes Erlebnis im Rahmen eines Workshops, welches Du mit uns teilen magst?

ET: Unter anderem habe ich auf eurem Mitmachkongress utopival auch diesen Konsensdemokratie-Workshop angeboten, und einige Teilnehmer waren von dem gemeinsamen Prozess so begeistert, dass sie gleich zusammen in eine Wohnung ziehen wollten (wer den Workshop auch mal mitmachen wird, dem wird der Zusammenhang klar).

TR: Warum warst Du bei der UTOPIKON mit dabei?

ET: Die Wirtschaft bestimmt meiner Meinung nach zur Zeit leider (fast) alles – Politik, den (nicht-)ökologischen Umgang mit unserem Planeten, und sogar unser gesellschaftliches Wertesystem.

Aber: ich möchte, dass Wirtschaft und damit (große) Unternehmen NICHT über die Wege die wir als Menschheit gehen entscheiden. Ich persönlich möchte in einer ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltigen Welt leben. Ich wünsche mir eine Gesellschaft in der Geld, Macht, und der eigene Vorteil eine untergeordnete Rolle spielen, und in der stattdessen ein rücksichtsvolles und nachhaltiges Verhalten viel mehr Anerkennung bekommt. Um zu versuchen Impulse in diese Richtung zu setzen, finde ich Veranstaltungen wie die UTOPIKON unglaublich wichtig.

TR: Zum Schluss: Welche 5 Schritte magst Du den Leser*innen mitgeben, damit sie hier & jetzt beginnen einfach zu machen?

ET:
1. Traue dich, und verlasse mal das was du schon kennst
2. Halte Augen, Ohren und das Herz offen
3. Sei hartnäckig und habe Geduld
4. Umgebe dich mit utopistischen Projekten und Menschen, und
5. Sei optimistisch

TR: Danke Dir herzlichst, wie wunderbar, dass Du bei der UTOPIKON dabei warst!
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Zum Weiterlesen: Im Vorfeld der UTOPIKON hat Tobi Rosswog bereits ein paar Interviews auf dem Nachhaltigkeitsblog „Experiment Selbstversorgung“ mit spannenden Referent*innen der UTOPIKON veröffentlicht. Wer dort reinschauen mag, sei herzlichst eingeladen – es ist echt inspirierend:

Friederike Habermann | Ecommony: UmCARE zum Miteinander
Van Bo Le-Mentzel | Der Karma-Ökonom
Silke Helfrich | Bist Du Commonist*in?
Hanna Poddig | Alles muss sich ändern!
Nathalie Marcinkowski | Die sechs Wurzeln des Glücks
Michael Bohmeyer | Bedingungsloses Grundeinkommen wird praktisch

Im Rahmen dieser Reihe werden wir hier auf dem Blog weitere Interviews mit Gerrit von Jorck und Stephanie Ristig-Bresser veröffentlichen

 

 

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